Sie sammelt… Müll.

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Am 21. März 2015 war in Düsseldorf wieder Dreck-Weg-Tag. 7300 Menschen haben an diesem Tag 20,3 Tonnen Müll gesammelt (Quelle: Pro Düsseldorf). Und ich war eine von ihnen!

Jedes Jahr, wenn es wieder hieß, am soundsovielten März ist Dreck-Weg-Tag, habe ich gedacht: Soll ich mitmachen? Und eine Ausrede gefunden. Vor allem der imaginierte Frust, den es für mich bedeuten würde, mitzusammeln und doch nur einen Mini-Bruchteil von all dem Müll, der so in der Natur herumliegt, aufsammeln zu können, hat mich davon abgehalten. Das ist doch die reinste Sisyphus-Arbeit! hab ich mir gedacht. Und mich trotzdem über alle gefreut, die mitgemacht haben.

Aber nicht so 2015! Diesmal bin ich dabei. Angemeldet, Säcke, Handschuhe und Warnweste abgeholt, und dann ging es los, in den Zoopark. Da gehe ich so gerne spazieren. Joggen. Geh-meditieren nach Thich Nhat Hanh. Diesmal also zum Müll-Sammeln.

Ich hab im Vorfeld schon meine FreundInnen gefragt, ob sie mich für einen Freak halten, wenn ich beim Dreck-Weg-Tag mitmache. Nein! beteuerten alle. Und „Ich würde ja auch, aber ich kann da leider nicht…“

Ich erreiche den Zoopark und beginne meine Sammel-Aktion an dem Streifen, der an den Parkplatz am Eisstadion grenzt. Kronkorken, Zigarettenkippen, Bonbonpapierchen. Vor allem letztere, immer wieder Bonbonpapierchen. Ich wusste nicht, dass wir hier in Düsseldorf so eifrige BonbonlutscherInnen sind. Eukalyptus, Wick, Vivil, Werthers Echte. Plastik und Aluminium. Hat jemand „Plastic Planet“ gesehen? Oder „Die Akte Alu?“ Plastik und Aluminium sind zwei große ungelöste Umweltprobleme, die uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch schwer beschäftigen werden. Sollten sie zumindest, aus Liebe zu unseren Kindern.

Bücken, aufheben, rein in den Sack. Es fängt an zu nieseln. Außer mir ist weit und breit niemand mit Sack und Warnweste zu sehen. JoggerInnen, HundebesitzerInnen. Denken die „Was ist denn mit der los?“ oder „Wieso mache ich das eigentlich nicht…?“ oder „Ist doch bekloppt, bringt eh nichts“? Glasscherben, halbe Bierflaschen, ein einsames Gummibärchen. Ein Schnuller. Kronkorken, Zigarettenpackungen, Bonbonpapierchen. Styroporstückchen.

Ein älterer Herr mit Hund. „Haben’se das schon mal gesehen, am Mintropplatz? Da sind überall Mülleimer, und die schmeißen trotzdem alles auf den Boden!“ Ich weiß keine gute Antwort darauf und sage einfach „ja“. Dabei bin ich eher selten am Mintropplatz.

Ich wechsele über in Richtung Hundegehege. Kleine Plastikteilchen, Stücke von Flaschendeckeln etwa. Ich habe „Plastik Planet“ gesehen und weiß, dass sich Plastik mit der Zeit in immer kleinere Partikelchen zersetzt und so wahrscheinlich über das Grundwasser in unsere Nahrungskette und unsere Blutbahn gelangt. Und in die unserer Kinder. Auch auf den Weltmeeren schwimmen schon riesige Plastikinseln. Versinken wir so langsam in unserem eigenen (Plastik-)Müll?

„Du nicht!“ sage ich in Gedanken zu jedem Plastikteilchen, das ich aufklaube. Du kommst nicht in unsere Blutbahn. Aber wissen kann ich das schließlich nicht. Ich stopfe das Ding in meinen Plastik-Sack und stelle den dann zum Abholen vor die Haustür. Dann landet das Zeug auf irgendeiner Müllkippe. Und dann? Leider löst sich Müll nicht in Luft auf. Schade.

Schließlich nehme ich mir das Areal zwischen Hundefreilaufgehege (puh, Wort!) und Brehmstraße vor. Da hoppeln manchmal die niedlichen Häschen rum. Zwischen – jetzt weiß ich es genau – gebrauchten Slipeinlagen, Plastiktüten in klein und mittel, Zigarettenpackungen, Glasscherben und Bonbonpapierchen. Eukalyptus, Wick, Vivil, Schokobons, Werthers Echte. Das Gebüsch zwischen Gehege und Straße ist besonders vermüllt. Werfen da manche HeldInnen ihren Müll einfach über den Zaun? Ich krieche im Gebüsch herum, sammle vor allem Plastiktüten und -verpackungen auf und finde es ganz spannend, mir unseren Boden mal wieder so aus der Nähe anzusehen. Ich habe keinen Garten. Meine Großeltern hatten einen großen Obst- und Gemüsegarten. Meine Großeltern sind tot, ihr Haus und Grundstück sind verkauft.

Ein älterer Herr ohne Hund. Er steht einige Meter von mir entfernt mit den Händen in den Hosentaschen, schaut offensichtlich zu mir herüber und grinst noch offensichtlicher, als wäre er sich einer Sache ganz sicher: Auf mich hat sie gewartet!

„Ich finde das super, dass Sie das machen!“ Na, immerhin ein nettes Kompliment. Okay, es ist schon etwas moralisierend, aber ich mag es mir nicht verkneifen. „Warum machen Sie denn nicht mit?“ „Ich habe schon vor Jahren mal überlegt, das zu machen…“ Ich sammele weiter, er geht.

Nachdem ich den ganzen Spaß knapp drei Stunden ohne große Pausen durchgezogen habe, bin ich um eine Naturerfahrung reicher und tierisch erschöpft. Das reicht, beschließe ich, die Handschuhe sind nicht ganz wasserdicht und meine Finger sind nass, und meine gesamte Person ist saudreckig. Der Sack ist äußerlich nur etwas über halb voll, aber trotzdem ziemlich schwer. Ich schleppe ihn zurück über die Brehmstraße bis nach Hause, vor die Tür. Da soll ihn die Awista abholen.

Ja, es hat Spaß gemacht! Es hat sich sinnvoll angefühlt, das zu tun: Müll zu sammeln. Und leider, wie befürchtet, wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Aber wenn das Müllsammeln, und, noch besser, das „Müll gar nicht erst entstehen lassen“, sich in den nächsten Jahren verbreitet und Schule macht – das wäre super. Genau das ist der Weg.

Zuhause erzähle ich meiner Mitbewohnerin, dass ich soeben beim „Dreck-Weg-Tag“ mitgemacht habe. Sie ist gerade aus Indonesien zurück gekommen, wo sie schon mehrfach gewesen ist. Mein Eifer löst bei ihr Heiterkeit aus: „In Indonesien ist das noch viel krasser. Wenn wir da an den Strand gehen, dann müssen wir erst mal die Müllberge an die Seite schieben“.

Übel, denke ich. So, und jetzt bitte alle mal „Plastic Planet“ gucken.

Ansonsten gibt es hier auch immer Kluges zum Thema: http://wortkulturen.de/

Eure Katja.

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